Grenzenlose Freiheit – noch...

Gabi Bucher

Irgendwann hat‘s angefangen, ganz langsam. Was, dachte ich damals, kommt das jetzt schon? Und dann verbreitete es sich wie ein Modetrend, plötzlich gab es ganz viele davon, sie waren überall, bei schönem und weniger schönem Wetter, viele in meinem Alter, aber viele auch jünger und heute haben sie sich fast flächendeckend ausgebreitet und greifen auch auf meinen engsten Freundeskreis über.

Sie, das sind die stolzen Grosseltern. Sie stossen ihre Kinderwagen – übrigens Gefährte, die teilweise durchaus an moderne Gehhilfen erinnern – mit einem zufriedenen Lächeln. Und wenn sie ohne Kinderwagen unterwegs sind, sind sie grad auf dem Weg, um irgendwo hüten zu gehen: Im Tessin, im Engadin, in Lausanne oder in Niederscherli – da ist sogar Niederscherli erstrebenswert. Andere sieht man geduldig stillstehen und verzückt zuschauen, wenn das Grosskind am Boden kauert und ein Blümchen betrachtet, eine Schnecke aufliest, Steine sammelt. In einem fortgeschritteneren Stadium sitzen sie zusammen in Zügen, schälen die Kinder mühsam aus Jacken, nehmen ihnen Rucksäcke ab und ja, dein Stofftier kannst du behalten aber den Nuggi, den brauchst du doch nicht. Und nein, Staus gibt’s keine bei Zügen, und das sind nicht kaputte Jeans, das ist Mode und bitte leg deine Füsse nicht aufs Polster und schleck nicht die Scheibe ab und hau deine Schwester nicht. Wenn dann das jeweilige Grosskind testet, wie ernst es Opa, Nonna, Tata oder Grosmami wirklich meinen und weiterhin die Scheibe leckt oder die Schwester haut, kann es vorkommen, dass ich dann doch fast ein bisschen schadenfreudig bin und mich über meine grenzenlose Freiheit freue.

Aber oft komme ich nicht umhin, mich schuldig oder mindestens unfähig zu fühlen, weil ich es noch nicht geschafft habe. Nur wie sollte ich auch? Früher konnte man seinen Kindern Befehle geben, und auch wenn sie nicht immer grad sofort gehorchten, meist machten sie dann nach einer Weile doch das, was man von ihnen verlangte. Man hatte noch etwas zu sagen. Dem ist hier nicht so, im Gegenteil, hier muss man aufpassen, was man sagt. Am besten nur gut hinhören, vielleicht mal so nebenbei erwähnen, «Grosskinder, wäre schon schön, ein bisschen wie pensioniert sein: Man darf nur noch und muss nicht mehr.» Mehr nicht, mehr darf und sollte man nicht sagen in dieser Angelegenheit.

So verändert sich die Welt rings um mich. Freunde treffen wird schwierig, die einen hüten am Montag, die anderen am Donnerstag. Und alle haben sie selbstverständlich die hübschesten, gescheitesten, speziellsten Grosskinder, die je geboren wurden und zeigen sie immer wieder gerne auf ihrem Smartphone: erstes Lachen, erste Schritte, erste Worte! Und dann sag ich ja, wirklich hübsch, der Kleine, süss und nein, meines Wissens noch nichts unterwegs…

So ist das mit diesen Grosskindern – oder war es. Denn Kolumnen schreibe ich, wenn sich grad ein Thema anbietet und dieses hier hat sich vor längerer Zeit angeboten. Wenn Sie sie nun aber lesen, und wenn alles so läuft, wie es ja bei all den anderen auch gelaufen ist, dann ist mein erstes Grosskind auf dem besten Weg, das schönste, klügste, aufgeweckteste Grosskind aller Zeiten zu werden, wenn’s denn mal auf der Welt ist. Ich zeige Ihnen dann gerne auf meinem Smartphone sein erstes Lächeln, seine ersten Schritte, seine ersten Worte! Und auch wenn’s dann im Zug die Schuhe aufs Polster legt, Scheiben leckt und die Schwester haut, ich freue mich darauf und wünsche ihm jetzt schon alles Gute beim auf die Weltkommen!