Erst die Pension – dann die Sucht?

Christina Meyer, Akzent Prävention und Suchttherapie

Alkoholtrinken bedeutet für viele ältere Menschen, sich etwas zu gönnen oder in Geselligkeit zu geniessen. Auch die Alkoholindustrie hat ältere Menschen als zahlungskräftige Zielgruppe erkannt und umwirbt die sogenannten «best agers». Nicht immer bleibt es beim Genuss.

Der Ausstieg aus dem Berufsleben kann, in Verbindung mit der persönlichen Neuorientierung, auch zu Alkohol- oder Medikamentenproblemen führen.

Veränderungen im Alter
Rund ein Drittel der Schweizer Bevölkerung über 60 Jahre trinkt täglich Alkohol. Mit zunehmendem Alter steigt die Einnahme und Anzahl der Medikamente. Viele ältere Menschen sind sich nicht bewusst, dass das Älterwerden mit seinen körperlichen und geistigen Veränderungen auch ein Überdenken der bisherigen und teilweise lebenslangen Konsumgewohnheiten nötig macht. So werden z.B. alkoholische Getränke im Alter schlechter vertragen, vom Körper abgebaut oder die Wirkung verstärkt sich, wenn gleichzeitig bestimmte Medikamente eingenommen werden.

Die Umstellung auf eine neue Alltagssituation nach der Pensionierung und auch der Funktions- und Aktivitätsverlust können belastend sein. Andere kritische Lebensereignisse, wie z.B. der Verlust des Partners, finanzielle Engpässe oder die Aufgabe der Wohnung aufgrund von Pflegebedürftigkeit, gehören zu den Risikofaktoren für eine Suchtentwicklung oder Abhängigkeit im Alter. Um negative Gefühle auszublenden oder körperliche Symptome zu lindern, wird mehr getrunken und es werden stimmungsaufhellende oder beruhigende Medikamente eingenommen. Aufgrund ihres Suchtpotenzials sind Schlaf- und Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine und opiathaltige Schmerzmittel besonders gefährlich. Eine Abhängigkeit kann sich bereits nach wenigen Wochen einstellen.

Was ist eine Sucht?
In der Fachsprache spricht man von einer «Abhängigkeit» von Alkohol oder anderen Substanzen. Es ist eine Krankheit nicht Willensschwäche, die vom Arzt oder Psychologen diagnostiziert wird. Die verschiedenen Kriterien sind der starke Drang nach Alkohol, körperliche Entzugssymptome, die Erhöhung der Trinkmenge oder Dosis, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Zudem die Vernachlässigung von anderen Interessen oder die verminderte Kontrolle über die Menge und das nicht beenden Können des Konsums. Mindestens drei oder mehr dieser Kriterien müssen während eines Jahres zutreffen. Hinzu kommen weitere Erfassungsinstrumente, die auf eine Abhängigkeit hindeuten.

Was deutet auf Alkohol- oder Medikamentenprobleme hin?
Alkoholprobleme können auffallen z.B. durch ein Flaschendepot, eine «Fahne» oder Sprach- und Gangprobleme. Andere Symptome, die sowohl auf Alkohol- als auch Medikamentenprobleme hinweisen, sind weniger auffällig, wie ein verminderter Antrieb der Person, das Nachlassen der Gedächtnisleistung, Müdigkeit und Rückzug aus dem sozialen Umfeld. Weitere Anzeichen beziehen sich auch auf verhaltensbezogene Veränderungen z.B. Angst, Stimmungsschwankungen. Problematisch ist, dass die genannten Symptome häufig als Alterserscheinungen abgetan und nicht der Abhängigkeit zugeschrieben werden.

Was tun bei Verdacht?
Als nahestehende Person sollte man sich getrauen, die beobachteten Auffälligkeiten anzusprechen. Die persönliche Einstellung spielt in diesen Gesprächen eine zentrale Rolle. Wichtig ist, dem Betroffenen mit Respekt zu begegnen und seine Sorge offen auszudrücken. Auch wenn die Person abwehrend reagiert, sollte man sich nicht entmutigen lassen. Sie werden trotzdem gehört. Hilfsangebote können aufgezeigt werden, wie z.B. der Kontakt mit dem Hausarzt, den Sozialberatungszentren, der Seelsorge oder auch zu Selbsthilfegruppen.

Wie kann man einer Abhängigkeit vorbeugen?
Suchtprävention in der Gemeinde geschieht durch aktive Beziehungen, durch Erlebnisse und Begegnungen auch mit zurückgezogen lebenden Menschen. Ehrenamtliches Engagement als sinnstiftende Tätigkeit ist ein wichtiger Schutzfaktor gegen Suchtprobleme und verhilft zur persönlichen Anerkennung und Zufriedenheit. Die Pro Senectute, verschiedene Vereine oder die Kirchen in den Gemeinden sind wichtige Partner.
Informationsveranstaltungen in den Gemeinden können dazu beitragen, Tabus aufzubrechen und sich zu informieren. Dort geht nicht darum, mit erhobenem Zeigefinger zu massregeln, sondern wichtige Fragen im Umgang mit Alkohol und Co. zu beantworten, damit Zuhörerinnen und Zuhörer den eigenen Alkohol- und Medikamentenkonsum gegebenenfalls überdenken.

Akzent Prävention und Suchttherapie hat einen Flyer zum sicheren Umgang mit Medikamenten entwickelt, den Sie kostenlos unter www.akzent-luzern.ch/bestelltool/leporello bestellen können.