Wie alt fühlen Sie sich?

Gabi Bucher

Man ist nur so alt wie man sich fühlt, Sie kennen den Spruch bestimmt auch, er wird immer wieder gerne angewendet, eine Art Alterstrostpflaster, das aber nicht immer hält, was es verspricht, wie ich in letzter Zeit ein paar Mal erfahren musste.

Die S-Bahn ist total überfüllt aufgrund eines Zugausfalls. Wie Sardinen stehen wir im Gang, gut eingepackt mit kaum einer Möglichkeit, sich zu bewegen. Ein Mann steht auf in einem Abteil etwas weiter vorne und fängt an zu gestikulieren. Er muss jemanden erkannt haben. Ich schaue mich um, niemand reagiert, er gestikuliert weiter. Dann merke ich, dass er mich anschaut. Zuerst verstehe ich nicht, dann aber schon: Er bietet mir doch tatsächlich seinen Sitzplatz an! Ich versuche, höflich und nett lächelnd abzulehnen, ist ja gut gemeint, aber innerlich koche ich und bin gleichzeitig beleidigt. Unter all diesen Menschen bietet er mir seinen Platz an? Sehe ich so zerbrechlich aus? Bin ich die Älteste im ganzen Zug?
Wie war das nur schon wieder, man ist nur so alt wie man sich fühlt?

Oder: Meine Schulter schmerzt, ich habe mir ein Wärmepflaster gekauft und lese die Packungsbeilage, da ich meinen Arzt oder Apotheker zu fragen vergessen habe. Da steht in Rot und fett direkt auf der Packung: Ab einem Alter von 55 Jahren über dünne Kleidung tragen. Na ja, denke ich, wegen den paar Jährchen darüber, das betrifft mich nicht. Dann rechne ich nach, es sind etliche Jährchen darüber, geht mich also vielleicht doch etwas an? Und jetzt soll ich das Pflaster auf meine Kleidung anbringen? Was soll das bringen, meine Schulter schmerzt, nicht meine Kleidung. Nicht mal richtig pflegen darf ich mich? Ich fühle mich diskriminiert.
Wer sagt da, man sei nur so alt, wie man sich fühlt?

Und: Ich gehe gerne ab und zu nach Genf und flaniere in der Grand-Rue, der Einkaufsstrasse in der Innenstadt. Das fühlt sich dann so an wie damals, vor fast 40 Jahren, als ich mir jeweils mit einem Sandwich und mit Shoppen den Mittag um die Ohren schlug, um danach wieder an die Arbeit zurückzukehren. Ich mag diese kurzen Ausflüge in die Vergangenheit. In einem Kleiderladen schiebe ich ein paar Jacken hin und her, als eine junge Frau auf mich zukommt. «Darf ich Sie was fragen», sagt sie. «Ja schon, aber ich bin auch nur Kundin», antworte ich. «Schon ok», meint sie «glauben Sie, dass das meiner Mutter gefallen könnte?» Sie streckt mir einen blusenähnlichen Pullover mit Fältchen und Rüschen entgegen. Ich schaue sie verständnislos an. «Ich kenne Ihre Mutter nicht, keine Ahnung was ihr gefällt», sage ich. «Macht nichts» sagt sie «einfach so generell, könnte ihr das gefallen?». Einfach so generell? denke ich und schüttle innerlich den Kopf. Ich weiss auch einfach so generell nicht, was ihrer Mutter gefallen könnte. Um sie loszuwerden sage ich «ja, ich denke schon». Sie zieht dankend ab Richtung Kasse. Ich schaue ihr nach, im Spiegel gegenüber schaut mich eine weisshaarige Frau an. Ach so, ja, erst jetzt verstehe ich! Ich fühle mich mies, aber mindestens dankbar, dass ich diesen Pullover nicht tragen muss.

Man ist nur so alt, wie man sich fühlt, ja, nur scheint die Umwelt wenig Notiz davon zu nehmen, wie ich mich fühle und holt mich nur allzu gerne immer wieder auf den Boden der Realität!