Leben und Arbeiten – oder Arbeiten und Leben

Werner Mathis

Der 85jährige Rentner Marcel Perrez aus Sursee ist überzeugt: «Der Klimawandel ist bittere Realität und es ist höchste Zeit, dass wir handeln.» Er und Ehefrau Maria leben mit ihrer Tochter im selben Haus und beide sind, wie Marcel Perrez sagt: «Rüstige Pensionierte und aktive Zeitgenossen.»

«Die aktuelle Politik interessiert mich sehr, sei dies lokal, regional, national oder international. Im Gegensatz zu früher geniesse ich es aber, dass ich heute Zeit habe, täglich Zeitungen, Zeitschriften und auch Bücher zu lesen», meint Marcel Perrez gleich zu Beginn des Gesprächs. Klar, dass er sich am vergangenen Wochenende auch aktiv an den Grossrats- und Regierungsratswahlen beteiligte. Doch dem 85jährigen Rentner genügt das nicht: «Ich habe der einen und andern Partei, wie den Grünen eine kleine Spende überwiesen, denn der Klimawandel ist bittere Realität und es ist höchste Zeit, dass wir handeln», ist er überzeugt. Maria und Marcel sind als rüstige Pensionierte und aktive Zeitgenossen bekannt. «Am letzten Sonntag wanderten wir mit drei inzwischen alleinstehenden Männern von Sursee nach Buttisholz und nach einer feinen Pizza ist es etwas spät geworden» verrät Perrez. Solche Aktivitäten, wie viele andere, organisieren das Ehepaar Perrez privat.

Frieden und Freiheit sind die höchsten Güter
Als gelernter Tapezierer und Sattler arbeitete Marcel Perrez lange Jahre als Angestellter. Bald schon bot ihm ein Mitarbeiter und Freund an, zusammen eine eigene Möbelfirma zu gründen. Perrez erinnert sich: «Ich hatte immer schon den Leitsatz – Leben und Arbeiten. Leider passten wir nicht zusammen, denn mein Freund hatte eher den Leitsatz – Arbeiten und Leben.» Perrez entschied sich, nicht in das Geschäft einzusteigen. Einige Jahre später baute er zusammen mit seiner Frau ein kleines Vorhangatelier auf. Vor einigen Jahren gaben sie ihr Geschäft auf. «Heute bin ich froh, wir können ohne Angst in Unabhängigkeit und Freiheit leben. Denn Frieden und Freiheit sind die höchsten Güter für Lebensqualität.» So engagieren sich Maria und Marcel Perrez in Gruppierungen wie: Pro Velo Sursee, Pro Sempachersee, im Verein Burgruine Kastelen, im Ornithologischen Verein Region Sursee oder bei der Begleitung von Asylsuchenden.

Zeit schenken und erzählen
«Heute schreibe ich keine Leserbriefe mehr und gehe nicht mehr auf die Barrikaden wie früher, wenn unnötig oder illegal Bäume gefällt werden. Dennoch achte ich die Botschaft Jesus. Es ist mir nicht so wichtig, ob er Sohn Gottes war, viel wichtiger ist Jesus in Ehren zu halten, denn er hat sich für die Schwachen und Armen eingesetzt, er hat sich gegen Mächtige und Reiche aufgelehnt», ereifert sich Marcel Perrez. Dennoch meinte er: «Wir sind in einem Alter in dem wir uns nicht mehr aufregen, wir können es pragmatisch angehen.
Engagement für Gerechtigkeit hat Marcel Perrez schon als Kind mitbekommen und auch heute sei es ihm wichtiger, mit Menschen Kontakt zu suchen, als am Fernseher ein Fussballspiel anzusehen.

Diese Gelegenheiten biete sich ihm auch, wenn er am Sonntag im Chilekafi mit Ehefrau Maria Gäste bediene oder im Pflegeheim alte, an Demenzkrankheit leidende Menschen besuche und sie einige Momente begleite. «Wenn wir gemeinsam über den Mariazellhügel spazieren, uns auf eine Bank oder zurück im Kaffee des Seeblicks an den runden Tisch setzen, bietet sich Gelegenheit alte Zeiten aufzufrischen. Es wirkt beruhigend sich Geschichten zu erzählen und Zeit zu schenken», erzählt er und es lässt sich erahnen wie wertvoll auch für ihn diese Momente sind.

Es ist höchste Zeit sich zu engagieren
Schmunzelnd weist Perrez auf ein Couvert auf dem steht: Fr. 250.–. «Das sind die freiwilligen Einnahmen aus dem Kirchenkaffee vom letzten Sonntag. Diese spenden wir einem guten Bekannten, er initiiert und unterstützt Projekte in Afrika. Dies zeige, dass es sich immer und immer wieder lohne, sich auch im hohen Alter und ohne grosses Aufsehen einzusetzen», gibt sich Marcel überzeugt.
Zum Schluss des Gespräches legte er ein Inserat des Vereins «Jugend fürs Klima» auf den Tisch. In diesem Inserat rufen Jugendliche zu einer Demo zum Klimaschutz auf. Nachdenklich aber entschlossen bekräftigt Marcel Perrez: «Es ist höchste Zeit sich zu engagieren, Unterschriften zu sammeln und die Jugendlichen zu unterstützen, denn ich bin nicht mehr lange da.»